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Mit Charles Darwin unterwegs auf den Galápagos-Inseln. (Fortsetzung)
Bericht von Stefan Schomann
Wie kamen Kakteen, Eidechsen und Heuschrecken über den Pazifik? Unsere kleine Ausstellung in der Forschungsstation weiht Sie in die Geheimnisse des Archipels ein.

Die verhältnismäßig jungen, im Westen noch aktiven Vulkaninseln verfügen nur über einen Bruchteil jener Lebensfülle und Artenvielfalt, die wir in tropischen Gefilden vorzufinden gewohnt sind.

Eine Ursache dafür liegt im komplizierten Kräftespiel verschiedener Meeresströme, den Hauptgrund bildet indes die Abgeschiedenheit des Archipels: Alles Leben musste erst einmal hierher gelangen. Für Seelöwen oder Albatrosse kein Problem – aber wie kamen Kakteen, Eidechsen oder auch nur Heuschrecken über den Pazifik?

Sie alle müssen einst als Treibgut gestrandet oder, wie Sporen und Samen, als blinde Passagiere der Vögel hierher verfrachtet worden sein. Hier brauchten sie sich nicht in einer engen Nische einzurichten, hier gehörte ihnen die Welt. Kakteen mutierten zu Bäumen, unscheinbare Kräuter zu wuchtigen Stauden. Aus einem grazilen, wenige Kilogramm wiegenden Urahn entwickelten sich bis zu fünf Zentner schwere Riesenschildkröten.

Im Freigelände der Station können Sie diese Ungetüme bestaunen, wie sie auf ihren Klumpfüßen durchs Gestrüpp schreiten. Sie werden hier ebenso erfolgreich nachgezüchtet wie die Drusenköpfe, feiste Landleguane mit der Haut eines Kartoffelsacks und dem stieren Blick eines Lüstlings. Bei den vermeintlichen Nisthäuschen an jeder Ecke handelt es sich übrigens um Spendenkästen – Opferstöcke des Naturschutzes.
In Hafen begeben Sie sich dann vermutlich an Bord einer der achtzig Motoryachten und Motorsegler. Die klassische Kreuzfahrt dauert acht Tage und verläuft kaum anders als unsere Sondierung mit der Beagle. Nach einem vorher festgelegten Turnus laufen Sie eine Reihe großer und kleiner Inseln an, die Sie unter der Leitung eines ausgebildeten Führers erkunden. Da Sie die größeren Strecken nachts zurücklegen, steht Ihnen eine gemütliche Odyssee bevor: Neben ein oder zwei Landgängen pro Tag bleibt zum Schwimmen und Schnorcheln ebenso Gelegenheit wie zum Faulenzen an Deck.

Wir kochten Schildkröten, sezierten Leguane, fingen Finken mit dem Hut Ich will die Litanei der Inseln – 13 größere und an die 100 Mini-Eilande und Felsen – jetzt nicht herunterbeten, versichere Ihnen jedoch, dass keine der anderen gleicht. Einige sind flach, andere so hoch wie der Schwarzwald. Hier herrschen wüstenähnliche, dort subtropische Verhältnisse. Jede wird von anderen, ebenso arglosen wie drolligen Maskottchen bevölkert: Die Albatrosse nisten nur auf Española (dafür gleich 12000 davon), die Rotfußtölpel fast nur auf Genovesa (140000!). Seymour Norte gehört ganz den Fregattvögeln,
Fernandina den Meerechsen. Und auf Bartolomé hält alles Ausschau nach den Pinguinen, die hier am Äquator anzutreffen geradezu etwas Märchenhaftes hat.


Unter Tauchern gelten die Galápagos als Geheimtipp, erweisen sie sich doch unter Wasser als nicht weniger einmalig bestückt denn an Land. Ich konnte seinerzeit nur 15 Fische fangen, doch jeder war von einer anderen, oft noch unbekannten Art, mehr Farbe als Fisch. Rochengeschwader kreuzen durch die türkisgrün schillernden Buchten, Seeschildkröten ziehen wie schwere Engel ihre Bahn. Zwischen den Felsen verstecken sich Seepferdchen und buntscheckige Harlekinbrassen, und in der Tiefe kreisen Hammerhaie. Immer wieder schießen Seelöwen heran, beglücken und beschämen die plumpen Taucher mit ihrer schwerelosen Akrobatik.  Mein Hauptinteresse auf den Galápagos war zunächst erdgeschichtlicher Natur – es geht doch nichts über Geologie. Diese Prozession von Feuerbergen inmitten des Ozeans, diese brachialen Kräfte, die überall vorherrschen, das rotschwarz erstarrte Inferno auf Isabela etwa, das alles zog mich an.

Das Sammeln von Tieren und Pflanzen war zunächst bloße Routine. Die Legende will es, dass ich dabei die Erleuchtung empfangen und
ausgerechnet am Ende der Welt die Weltformel gefunden hätte. In Wahrheit beging ich erst einmal eine Reihe von Fehlern. Obwohl mir die Kolonisten etwa berichteten, dass die Schildkröten der jeweiligen Inseln nicht nur unterschiedlich geformt wären, sondern sogar anders schmeckten, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass hier auf jedem Eiland andere Spielarten ein und derselben Stammform vorkommen. Jene Darwin-Finken etwa, die heute in keinem Biologiebuch fehlen, hielt ich anfangs gleichsam für Amsel, Drossel, Fink und Star, so sehr divergieren sie äußerlich. Andere Arten wiederum vermochte ich nicht auseinander zu halten, so sehr ähneln sie einander. Ich packte alle
in eine Schachtel. Erst in England eröffnete mir ein hinzugezogener Spezialist, dass es sich um verschiedene Arten handelte. Diese Scharte wollte ich auswetzen, und so gerieten die anfänglichen Schnitzer zu den fruchtbarsten Fehlern meines Forscherlebens. So viel zur Evolution der Evolution.

Ich war angetreten, das »Rätsel aller Rätsel« zu ergründen, das Auftauchen neuer Arten. Aber erst ein Vierteljahrhundert nach meiner Reise auf der Beagle rang ich mich schließlich, von Skrupeln gehemmt und von immer neuen, aufregenden Problemen gefangen genommen, dazu durch, mein grundlegendes Werk über den Ursprung der Arten zu veröffentlichen. Es erklärt die Entwicklung allen Lebens aus sich selbst heraus, mittels Mutation, Anpassung an die Umwelt und natürlicher Auslese. Eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung neuer Arten spielt ihre Isolation. Und wahrhaftig, die Galápagos lehrten mich, was Isolation bedeuten kann.

Für fast alles, was wir auf unseren Streifzügen unternahmen, würden wir heute umgehend arretiert: Wir kochten Schildkröten, sezierten Leguane,
knüppelten Falken vom Ansitz und fingen Finken mit dem Hut. Mittlerweile wird der Besucherverkehr streng reguliert. Denn die größte Gefahr für die Galápagos bilden die eingeschleppten Menschen. Wobei die Touristen sich heutzutage weitgehend zu benehmen wissen. Mehr zu schaffen macht den Inseln der Zustrom neuer Siedler, darunter arme Teufel aus dem Hochland, die nicht einmal schwimmen können. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Bevölkerung verdoppelt und mit ihr verdoppelten sich Müll, Abwasser, Verkehr und Landverbrauch. Auch die Fischer machen uns zunehmend Ärger. Vor den Risiken durch eingeführte Nahrungskonkurrenten, Raubtiere und Krankheiten schließlich habe ich damals schon gewarnt. Und die verheerende Gefräßigkeit von Ziegen, Hunden, Ratten & Co. hat meine Befürchtungen bestätigt. Nicht von ungefähr las ich damals auf der Beagle Miltons Paradise Lost.

Der Tourismus ließ die Galápagos zu Ecuadors neuem Eldorado werden. Bis dahin bildeten sie höchstens ein Paradies für Misanthropen und zogen
bevorzugt schräge Vögel an, Aussteiger, Desperados und frohgemute Pioniere. Ob Menschenschinder oder Weltverbesserer, je inbrünstiger sie zu Werke gingen, desto schmählicher scheiterten sie. Die Namen ihrer Kolonien – Progreso, Esperanza oder Asilo de Paz – klingen da wie Hohn.  Galápagos, das war keine Verheißung, sondern ein Verdikt. Am längsten hatten noch die Gefängnisse Bestand. Isabela etwa diente bis 1959 als Strafkolonie. Davon zeugt die monumentale »Mauer der Tränen«, eine unvollendete Bau- und vor allem Strafmaßnahme. Dieser Albtraum aus schwarzen Lavabrocken ragt mitten in idyllischem Buschland auf – ein Sinnbild der Sinnlosigkeit. Mit etwas Glück begegnen Sie hier dem alten Don Jacinto, dem früheren Gefängnispfarrer, einem echten, zähen Insulaner, einem Rebellen und Pionier. Nachdem er auf endlosen Strandwanderungen mit sich, Gott und der Welt gehadert hatte, brach der ehemalige Franziskaner mit der Kirche und heiratete eine Einheimische. im selben Jahr, 1959, als die Strafkolonie aufgelöst wurde, erklärte Ecuador die Galápagos zum Nationalpark. Äußerer Anlass war das 100-jährige Jubiläum des Erscheinens meines Hauptwerks. Wenig später sattelte Don Jacinto um und wurde zu einem der ersten und eifrigsten Mitarbeiter
der Forschungsstation. Niemand verkörpert besser als er diese erstaunliche Evolution der Galápagos: vom Niemandsland zum Naturheiligtum und
von der Strafkolonie zum Streichelzoo der Schöpfung.

Mit Charles Darwin unterwegs auf den Galápagos-Inseln von Stefan Schomann


Information
Anreise: Zum Beispiel mit Iberia oder KLM nach Quito, derzeit ab ca. 1000 CHF.  Von Quito und Guayaquil aus fliegt TAME mehrmals täglich für 390 US-Dollar auf die Galápagos-Inseln. Travelshop arbeitet seit 15 Jahren mit einem kleinen Touroperator zusammen, der auf die Galápagos-Inseln spezialisiert ist und nebst einem eigenen Schiff auch eine Filiale in Quito unterhält. Dies garantiert nebst moderaten Preisen auch eine profesionelle Durchführung.

 

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